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Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro. Roman, Dumont, 272 Seiten, ISBN: 978-3832162252

Veröffentlicht am 28.07.2015

Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro. Roman, Dumont, 272 Seiten, ISBN: 978-3832162252

Welch glücklicher Zufall, der mich vor kurzem nach Bad Ems zu Freunden führte. Denn die drückten mir für die Heimfahrt ein Büchlein in die Hand, mit strahlenden, um nicht zu sagen: glücklichen, Augen. Gllücklicherweise war die Zugfahrt lang, so konnte ich schon eine Menge über den unauffälligen, grau-in-grau Beamten Albert Glück erfahren.

Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet der schon im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Er ist korrekt, zuverlässig, absolut kompetent und gänzlich durchstrukturiert. Ordnung ist sein Leben, feste Tagesabläufe machen ihn wie die Ästhetik der amtlichen Formulare glücklich. „Die Stunden flogen nur so vorbei, denn es gab für Albert nichts Schöneres als das konzentrierte Bearbeiten der wunderbaren Anträge, die Stück für Stück von der Kladde in die Ablagekästen wanderten. nach all den Jahren bewunderte er immer noch die aparte Schönheit des Druckbildes, die Kompliziertheit der Syntax bei einer gleichzeitigen Genauigkeit, die ihresgleichen suchte. Die Namensfelder, für gewöhnlich das Einzige, was die Antragsteller ohne Hilfe verstanden, hatten genau die richtige Größe im Vergleich zur Größe des Blattes. Die winzig kleinen Kästchen zum Ankreuzen waren vorbildlich, die feinen Absätze, die Felder, die nur von der Verwaltung ausgefüllt werden durften, der optisch ansprechende Block der Rechtsbehelfsbelehrung mit den akribisch aufgelisteten Paragrafen und die geniale Idee, Anträge oder Briefe oder Bescheide maschinell gültig zu machen, ohne dass eine persönlich Unterschrift nötig war, machten das Blatt zu einem Kunstwerk.“

Zu Kollegen hat er nur wenig Kontakt, denen ist er wohl auch etwas zu langweilig, nichts an ihm fesselt ihre Aufmerksamkeit. Das ist von Albert Glück genau so gewollt.

Denn er arbeitet nicht nur nach Vorschrift im Amt, er wohnt auch da. Natürlich unbemerkt, in einem Raum, den keiner kennt hinter X Feuertüren im Keller.

Unbestritten: Albert ist glücklich.

Bis zu dem unheilschwangeren Tag, da E 45 auf seinem Schreibtisch liegt. E 45, ein Antrag, den er, er – Albert Glück! – noch nie zuvor gesehen hatte. Der außer einem Namen den Grund des Antrags verschweigt. Der Name allerdings: er befriedigt Albert zutiefst, da er in ihm sichtbare Ordnung findet. Anna Sugus. Ein Palindrom.

Zunächst ändert das aber nichts daran, dass E 45 alles auf den Kopf stellt. Alberts Welt ächzt, feine Risse durchziehen den Alltag. Und schließlich passiert etwas Furchtbares: Albert muss durch die Drehtür hinaus aus dem Amt, hinaus in das Chaos der Welt! Um diese Anna Sugus aufzusuchen.

„Sie betraten das Wohnzimmer.

Albert war erschüttert. Wie sah es denn hier aus? Der Raum enthielt keinerlei praktische Einrichtungsgegenstände wie Tisch oder Stuhl oder Schrank oder sonst etwas in dieser Art. Stattdessen standen überall Staffeleien, Bilder, Farbtöpfe und Pinsel herum. In gewaltiger  Menge, denn Anna Sugus war ganz offensichtlich überaus produktiv. Was bei der Art von Bildern auch nicht schwer zu sein schien, denn alle waren irgendwie ... bunt. Wild. Unkontrolliert. Es gab keine Formen, keine Muster, keine Regelmäßigkeiten. Nichts verriet eine Linie oder einen Gedanken, alles sah aus, als hätte man mehrere Farbeimer über einer Leinwand explodieren lassen. Ja, man hätte sagen können:  Die Bilder waren unordentlich.  Die Malerin hingegen war es nicht, jedenfalls nicht äußerlich. Man hätte sie über und über vollgekleckst erwartet, aber nur ein paar verschmierte Farben auf ihrem Kittel verrieten, dass sie die Urheberin der Bilder sein musste.

Sie hatte ihn genau beobachtet, amüsiert  über seinen Gesichtsausdruck,  bevor sie ihn fragte: »Verstehen Sie was von Kunst?“

Albert sah sich im ganzen Raum um, betrachtete die wilden Bilder, die alle irgendwie ähnlich aussahen.

„Ist das Kunst?“ fragte er neugierig.

„Natürlich ist das Kunst!“

„Dann verstehe ich nichts von Kunst.“

Sie war angetan von seiner Offenheit, die ganz sachlich war, keinerlei Ironie verriet, sondern allenfalls ein wenig Verwirrung. Die wenigen Menschen, die sie bisher besucht hatten, hatten sich in Lob geflüchtet, ihr versichert, dass ihre Kunst wirklich interessant war, aber ihre Gesichter hatten sie verraten, denn sie hassten, was sie sahen. Oder mochten es zumindest nicht. Oder hielten es -  und das war die schlimmste Form der Heuchelei – für das Geschmiere einer Stümperin. Der Mann vom Amt war anders.

Er urteilte nicht.“

Anna Sugus, E 45 und die Welt, die plötzlich in seine eigene überschaubare eindringt, sie verändern alles. Nicht nur Alberts Leben, sondern auch seine Sicht auf das Amt und die Antragsteller. Die Folgen schrecken sogar das Bundesministerium des Innern auf.

„»Wir müssen dieses Glücksvirus eindämmen, bevor wir alles verlieren, was wir uns bisher aufgebaut haben. Denn was passiert, wenn plötzlich alle ein kleines Glück finden? Was passiert, wenn alle das Prinzip entdecken, das dem zugrunde liegt, nämlich, dass es nur wenig braucht, um aus einem kleinen Glück ein etwas größeres und aus einem etwas größeren ein noch viel größeres Glück zu machen?«

Er konnte an den fragenden Gesichtern ablesen, dass noch niemand das Prinzip durchschaut hatte, also fuhr er fort: »Dieses Volk, unser geliebtes deutsches Volk, ist nicht so weit gekommen, weil es glücklich ist, sondern weil es unglücklich ist. Weil es Furcht  hat und immerzu  hofft, dass noch etwas  Besseres kommt. Es ist niemals zufrieden, niemals glücklich, das unterscheidet uns von den meisten anderen Völkern und darum stehen wir an der Spitze der Nahrungskette!“
Nach der Überraschung ließ die Offenbarung die Gesichter hell erleuchten: Sie hatten es begriffen. Und ´sie lauschten ehrfürchtig.

„Das Streben nach Glück ist eine gewaltige Kraft! Doch nur das Unglück hat uns Reichtum und Macht gebracht.“

Was braut sich da zusammen? Welche Lawine hat Albert Glück da ausgelöst? Welche Rolle spielt Anna dabei?

Können sich Menschen verändern? Wirklich?

 

Eine wunderbare Ferienlektüre, flott erzählt, munter fabuliert. Empfehlenswert.